Gebrauchstauglichkeit und emotionale Produktgestalt gelten als gleichwertige Komponenten des Nutzungserlebens. In der Entwicklungspraxis stehen beide Aspekte jedoch häufig in einem Zielkonflikt, der eine Priorisierung erfordert. Die Gewichtung der beiden Komponenten hängt dabei vom jeweiligen Nutzungskontext ab, also von Merkmalen der Nutzenden, des Produkts und der Nutzungsumgebung. Etablierte Modelle des Nutzungserlebens benennen solche Einflüsse zwar, operationalisieren sie aber nicht für die technische Produktentwicklung.
Im DFG-Projekt „NEPTUN GeP – Nutzer-, Produkt- und Umgebungseinflüsse auf Gebrauchstauglichkeit und emotionale Produktgestalt“ wurde daher eine kontextsensitive Entscheidungsunterstützungsmethode erforscht. Ihre Grundlage bildet eine empirische Wissensbasis aus einer systematischen Literaturrecherche und sieben empirischen Nutzerstudien, in denen unter anderem die Wirkung von Geschlecht, Alter, Selbstwirksamkeit, Produktart, Ästhetikgrad, Vorerfahrung und Werteorientierung untersucht wurde. Die resultierende Methode gliedert sich dabei in drei Module: die strukturierte Analyse des Nutzungskontexts, eine wissensbasierte Gewichtungslogik auf Basis des Analytic Hierarchy Process sowie die Ableitung von Designimplikationen und initialen nutzerzentrierten Anforderungen. Umgesetzt wurde das Konzept als prototypisches digitales Assistenzsystem, das Kontexterfassung, Gewichtung und Empfehlungsausgabe in einem durchgängigen Ablauf zusammenführt. Die Evaluation erfolgte anhand eines Anwendungsbeispiels aus der Medizintechnik, einer Gesundheits-Smartwatch für Personen ab 65 Jahren, sowie in einer Studie mit Praktikerinnen und Praktikern der Produktentwicklung, die insbesondere die Transparenz der Gewichtungsprozesse und die Strukturierungsunterstützung bei der Kontextanalyse hervorhoben. Damit steht ein Werkzeug zur Verfügung, das konfliktbehaftete Gestaltungsentscheidungen in frühen Entwicklungsphasen datenbasiert und nachvollziehbar unterstützt. Anknüpfungspunkte für weitere Arbeiten bestehen in der Erweiterung der Wissensbasis um domänenspezifische Studien und in der Übertragung des Prinzips auf weitere Zielkonflikte der Produktentwicklung.
